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Zeig mir dein Gesicht

Gedanken zur Fastenzeit von Arthur Thömmes

Manchmal ist unser Kopf und unser Herz so voll, dass wir die wichtigen Dinge im Leben vergessen. Wir treiben dahin im Fluss der Alltäglichkeiten und leben an uns selbst vorbei. Und dann kommen die Augenblicke, in denen wir erschrocken in den Spiegel blicken. Wir erkennen nur noch ein Zerrbild und sind erstaunt darüber, wie wir uns verändert haben. Wir sind getrieben von den Erwartungen, die unser Umfeld und wir selbst an uns stellen. Nichts ist mehr geblieben von den Idealen, mit denen wir unser Leben einst erträumten. Die Realität hat uns überrollt und wir haben uns so verbogen, dass wir uns selbst nicht wieder erkennen. Häufig machen Menschen, die uns nahe stehen, uns darauf aufmerksam, wie wir uns verändert haben, denn wir selbst haben den Blick dafür verloren. Doch deren Sicht der Dinge trifft uns wie ein Pfeil. Und im Moment der verletzten Eitelkeiten schießen wir zurück und verletzen die, die uns lieben. Es gehört zu unserer Menschwerdung, dass wir nicht nur das annehmen, was uns schmeichelt und wohl tut. Wahre Stärke liegt darin, auch die Kritik an meiner Person zu akzeptieren und an mir zu arbeiten.

In einem aktuellen Lied heißt es:

„Zeig mir dein Gesicht, zeig mir wer du wirklich bist.
Bleib dir treu, verstell dich nicht für mich.
Halt an allem fest, was dir wichtig ist.
Zeig mir dein Gesicht und keine Maske, die verdeckt,
was dahinter wirklich steckt.
Bleib in der Haut, die dir am besten sitzt.
Zeig mir dein Gesicht, dein wahres Gesicht.“

Mein wahres Gesicht zeigen, mir selbst treu bleiben, die Maske abnehmen: das ist nicht einfach. Dazu will mir die Fastenzeit eine Hilfe anbieten, damit ich erkenne, wer ich bin und was in meinem Leben wirklich wichtig ist. Die Fastenzeit ist eine Zeit der Suche nach mir selbst. Durch das Fasten weitet sich mein Blick und mein Gespür für das Wesentliche. Ich sehe und fühle wieder, was ich eigentlich will und wer ich wirklich bin. Auf einmal tauchen viele Fragen auf, die jahrelang in der Versenkung verschwunden sind. Vielleicht entsteht auf diese Weise ein realistisches Bild über meine tatsächlichen Fähigkeiten, Eigenschaften und Verhaltensweisen. Das kann eine spannnende Reise zu mir selbst werden. Ein weiterer Schritt sollte dieser Selbsterkenntnis folgen. Ich lenke den Blick weg von mir auf die Menschen, mit denen ich lebe. Ich kann mir wieder bewusst Zeit nehmen für Menschen, die mir wichtig sind. Ich kann überdenken, wie wir zueinander stehen und wie wir miteinander umgehen. Ich habe täglich die Chance, das ganz einfache Miteinander immer wieder neu zu lernen.
Ein dritter Schritt auf dem Weg des Fastens ist der Blick auf die Grundlagen meiner Existenz. Was lässt mich leben? Woher nehme ich die Kraft und Energie, meinen Lebensweg zu gehen? Was hält mich, wenn alles menschliche Vermögen am Ende ist? Welche Vorstellungen habe ich von Gott? Hat er in meinem Leben eine Bedeutung? Die Zeiten haben sich geändert und damit auch unser Gottesbild. Es ist heute nicht mehr so, dass uns der Gott der Kindheit ein Leben lang begleitet. In einer Zeit des religiösen Analphabetentums ist es wichtig, die Gegenwart Gottes immer wieder neu zu buchstabieren und zu übersetzen.
Am Aschermittwoch beginnt die 40tägige Fastenzeit (Österliche Bußzeit). Sie ist im Kirchenjahr die intensive Zeit der Umkehr, des Gebetes, der Buße und der Versöhnung. Aus kirchlicher Sicht liegt der Sinn der Fastenzeit darin, sich selbst und den eigenen Lebensstil „so zu ändern, dass durch Besinnung und Gebet, heilsamen Verzicht und neue Sorge füreinander Christus wieder mehr Raum" im Leben gewinne. So formulieren es die Bischöfe. Durch die Einschränkung des eigenen Konsums als Hilfe für die Armen in der Welt soll die Fastenzeit auch eine soziale Dimension erhalten.
Früher spielte in diesem Zusammenhang der Begriff „Gewissenserforschung“ eine wichtige Rolle. Dazu gehörten eine Vielzahl von Ritualen, die von kirchlichen Vertretern, aber auch in der Schule, in der Familie und im sozialen Umfeld genauestens überwacht wurden. Heute ist „Fasten“ zu einem verweltlichen Ausdruck geworden, den manche übersetzen mit „abnehmen“, „nicht mehr rauchen“ oder „mein Leben ändern“. Auch hier gilt es, den Begriff neu zu übersetzen und mit anderen Inhalten zu füllen. Vielleicht bietet der oben beschriebene Weg der Selbstfindung eine Möglichkeit dazu.

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Abdruck bitte mit Quellenangabe:

© Arthur Thömmes, www.fundgrube-religionsunterricht.de


 

 

 
 
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