von Arthur Thömmes
Wer nichts weiß und weiß, dass er nichts weiß, weiß viel mehr als der, der nichts weiß und nicht weiß, dass er nichts weiß.
Als ich diesen Satz das erste Mal las, stellte ich mir die Frage: Bin ich ein Wissender oder weiß ich gar nichts und was ist überhaupt Wissen? Die Frage ist schwierig. Wenn ich auf das Wissen blicke, das ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet habe, könnte ich sagen: Ich weiß viel. Doch wenn ich auf all die Fragen blicke, die mir das Leben stellt, komme ich schnell zu der Erkenntnis: eigentlich weiß ich nichts.
Ich bin ein Sinnsucher, der den Fragen und Antworten des Lebens auf der Spur bleibt. Die Erkenntnis macht nachdenklich.
In einer Wer-wird-Millionär-Zeit, in der Wissen Trumpf ist, in der Wissen scheinbar reich macht, konzentrieren sich die Menschen auf die Fragen und die vorgefertigten Antworten und sind stolz auf ihr Wissen.
Doch die eigentlichen, die wichtigen Fragen des Lebens werden verdrängt. Sie sind unangenehm und doch lebenswichtig. Wer bin ich? Wo komme ich her? Warum lebe ich? Worin liegt der Sinn meines Lebens? Was passiert, wenn ich tot bin? Fragen über Fragen, die uns zur Verzweiflung bringen können, da es auf sie scheinbar keine Antworten gibt.
Besonders in den Grenzerfahrungen unseres Lebens, in denen wir Leid, Enttäuschungen und Niederlagen erleben, werden wir mit der Nase auf das Wesentliche gestoßen. Und häufig bleiben Verzweiflung und Resignation. In Zeiten des Glücks und der Zufriedenheit sind solche Fragen unwichtiger. Oft sind es die Kreuzungssituationen, die uns vor die Aufgabe stellen: Welchen Weg soll ich gehen? Wie werde ich glücklich? Wie kann meine Leben gelingen? Und dann kommt mir das Leben vor wie ein Glücksspiel. Die Wegweiser zeigen in viele Richtungen und ich muss mich entscheiden. Ich kann nicht stehen bleiben. Ich muss losgehen. Ob es der richtige Weg ist, wird sich zeigen.
Wie lernt der Mensch, mit solchen Situationen umzugehen und den für ihn guten Weg zu finden? Schon den Kindern geben wir Ratschläge mit ins Leben, die ihnen helfen sollen, mit dem Leben klar zu kommen. Werde erst mal erwachsen! Lass dir nichts gefallen! Reiß dich zusammen! Streng dich an! Das ist nicht gut für dich! Ratschläge können hilfreich sein und motivieren, sind sie doch das Ergebnis von Lebenserfahrung. Ratschläge können aber auch mehr Schläge als Rat sein, wenn sie nicht aufbauen und motivieren.
Unser Bewusstsein über unsere Stärken und Schwächen, unsere Fähigkeiten und Eigenschaften wird wesentlich von den Mitmenschen und deren Beziehungsbotschaften geprägt. Ein Mensch, der immer nur Geringschätzung („Das lernst du nie!“) erfährt, entwickelt eine geringe Selbstachtung. Er verzweifelt an sich, misstraut den Mitmenschen und der Welt. Alles hat keinen Sinn.
Ein Mensch, der der Haltung der Wertschätzung und der positiven Beachtung („Das kannst du gut! Mach weiter so!“) begegnet, kann aufrecht, selbstbewusst und sicher durch das Leben gehen. Er wird geliebt und geachtet. Er lernt zu vertrauen und zu lieben. Und doch geht er mit der nötigen Vorsicht ins Leben. Und wenn er fällt oder niedergedrückt wird, kann er wieder aufstehen, denn er weiß: Es geht weiter. Es lohnt sich weiterzugehen. Es gibt einen Weg und der führt zu einem Ziel. Es gibt eine Hoffnung.
Es gibt kein Rezept für ein gutes und gelingendes Leben. Aber es gibt Hilfen, die wir Menschen uns gegenseitig geben können. Wir können uns stützen und uns mit den je eigenen Erfahrungen bereichern.
Wenn wir in den nächsten Wochen auf Ostern zugehen, auf das Hochfest der Hoffnung und der Liebe, dann können wir uns mit den vielen ungelösten Fragen des Lebens konfrontieren lassen. Wenn wir das wirklich wagen und ernst nehmen, kommen wir ein Stück weiter. Denn hinter der alten Praxis des Fastens steckt mehr als der Vollzug von Äußerlichkeiten. Es ist eine Reise nach Innen. Es ist der Weg zu uns selbst, den Mitmenschen und Gott und der Versuch, diese ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn wir uns darauf einlassen, lernen wir die Kunst des Lebens.
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© Arthur Thömmes, www.fundgrube-religionsunterricht.de