ReligionsunterrichtBücherMethodenTIPPSBibliografieMusikTexteLehrerNEWSVIDEOS
 
 
 
 
   
 
Projektpräsentation: Tabuthema Tod
Arbeit am Objekt: Balance
Projektpräsentation: Balance – Leben im Gleichgewicht
Projektpräsentation: Lebensgemeinschaften

Leichte Überarbeitung der Veröffentlichung in: Il buco 2/2001, S.18-23

 

KREATIVER RELIGIONSUNTERRICHT

Einblicke in eine Methodenwerkstatt

von Arthur Thömmes

 Szene 1: Die Lehrperson betritt den Klassenraum. „Schlagt in eurem Religionsbuch Seite 145 auf. Wir wollen heute über das Gebet sprechen. Sabine, lies bitte vor.“ Der Text wird von verschiedenen Schülerinnen und Schülern vorgelesen. Es folgen die üblichen W-Fragen und die passenden und unpassenden Antworten der Kinder. Die Lehrperson schreibt einige zusammenfassende Sätze an die Tafel. Die Schülerinnen und Schüler schlagen ihr Heft auf und schreiben den Text ab.

Szene 2: Ein Leichenwagen fährt auf den Schulhof. Interessierte Blicke einiger herumsitzender Jugendlicher. Zwei Männer steigen aus. Sie öffnen die Hecktür des Autos und tragen einen Sarg in das Schulgebäude. Was ist passiert? Gab es einen Unfall? Weitere neugierig und betroffen blickende Schülerinnen und Schüler nähern sich vorsichtig dem Geschehen. Bestattungsutensilien werden aus einem zweiten Wagen in das Gebäude getragen. Es herrscht ratloses Erstaunen. Zeitsprung. In einem abgedunkelten Raum steht vor einem Vorhang ein Sarg. Er wird umrahmt von wuchtigen Kerzenleuchtern, einem Kreuz und Pflanzen. Zwei brennende Fackeln lodern vor sich hin. Die Tür öffnet sich. Jugendliche betreten den Saal und blicken verwundert auf das sich ihnen bietende Bild. Sie flüstern miteinander. Fragende Blicke wandern hin und her. Eine Schülerin begrüßt die etwa 100 Gäste, die auf Stühlen Platz genommen haben. Sie spricht über ein Tabuthema, mit dem eine Projektgruppe von vier Jugendlichen die Anwesenden konfrontieren wollen: Sterben und Tod. Ein dunkel gekleidete Mann, er stellt sich als Bestatter vor, hält eine Trauerrede. Es herrscht gespannte Ruhe. Anschließend präsentiert die Projektgruppe auf einer Leinwand einen Film zum Thema, den sie in monatelanger Arbeit selbst gedreht, geschnitten und vertont hat. Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Theologen und Bestatter kommen zu Wort und sprechen über ihre Erfahrungen mit dem Tod. Das Publikum ist sichtlich bewegt. Schließlich kommt es zu einem abschließenden Gespräch über den Film und mit dem Bestatter über seine Erfahrungen und Gefühle. Die jungen Menschen verlassen den Raum und nehmen Bilder und Gedanken mit, die ihnen helfen sollen, ein Tabu zu brechen.

 

Zwei Beispiele, wie Unterricht verlaufen kann. Religionsunterricht kann langweilig sein oder spannend. Er kann ermüden oder etwas in Bewegung bringen. Auf jeden Fall sollte er sich von anderen Fächern wesentlich unterscheiden. Und das nicht nur inhaltlich, geht es hier doch nicht nur um ein Thema, sondern vor allem um die Frage, was das Thema mit den Menschen zu tun hat, die sich damit auseinandersetzen.

Es geht mir im Religionsunterricht vor allem um die Licht- und Schattenseiten des Lebens, diese zu artikulieren und Wege zu einem geglückten und gelingenden Leben zu finden. Es ist eine Art Spurensuche, auf die ich mich zusammen mit den Jugendlichen begebe. Ich wehre mich dagegen, fertige Lösungen als absolute Wahrheiten zu bieten. Ich stelle Lebensmodelle vor und helfe, Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Das ist eine sehr spannende Sache - in einer Zeit des medial inszenierten oberflächlichen Geschwätzes.

In einer Welt der zunehmenden Informationsflut wird es immer wichtiger, den Schülerinnen und Schülern neue Schlüsselqualifikationen mit auf den Weg zu geben. Viel ist in den letzten Jahren zu diesem Thema geschrieben worden. In der Praxis steht sehr oft noch die fachliche Kompetenz im Vordergrund. Das ist wichtig. Doch all zu oft werden dabei vorgefertigte Fragen und Antworten eingepaukt, ohne dass Raum für eigene kreative Entfaltung geboten wird. Ich lege großen Wert auf die persönliche und soziale Kompetenz, die sich junge Menschen aneignen sollen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Dabei beinhaltet die Sozialkompetenz vor allem das Lernen und Anwenden sozialer Werte und Normen. Das zeigt sich in der Projektarbeit vor allem in der Bereitschaft, in einer Lerngemeinschaft aktiv mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen und Teamfähigkeit zu entwickeln. 

Und sie sollen sich persönlich weiter entwickeln. Die „Generation Ego“ – wie sie manche nennen – feiert sich selbst und versucht alles, um sich immer wieder neu in Szene zu setzen. Dabei besteht die Gefahr, durch die permanente Vervielfältigung von Trends nur noch vorgegebene Schablonen auszuleben, die keine Eigenständigkeit mehr zulassen. Die Individualität droht verloren zu gehen.

Hier kann besonders der Religionsunterricht ein Angebot auf der Suche nach der eigenen Identität bieten. Religionsunterricht kann Lebenshilfe sein, wenn die Schülerinnen und Schüler spüren: Ich bin ich und ich bin wichtig. Meine Fragen und Anliegen, mein Glück und meine Ängste werden ernst genommen.

Doch wesentlich ist für mich daneben die Aneignung von Methodenkompetenz, der Fähigkeit der selbstständig organisierten und eigenverantwortlichen Erschließung von Lerninhalten, um sich zurecht zu finden in einer immer schwieriger und unüberschaubar werdenden Welt. Ich benötige Techniken, mit deren Hilfe ich Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und Wissen filtern kann. Und im Religionsunterricht ist dieses Wissen vor allem ein Lebenswissen. Es geht um die Grundfragen menschlichen Lebens, um Sein oder Nichtsein, um Leben und Tod, um den Sinn des Ganzen. Dabei sollten Kinder und Jugendlichen vor allem Hilfestellungen erfahren, die ihnen helfen, die eigenen Talente und Schwächen zu entdecken. Sie sollen lernen, sich dieses Wissen mit ihren je eigenen Möglichkeiten kreativ anzueignen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie Jugendliche sich mit einem Thema auseinandersetzen und die Ergebnisse  präsentieren.

Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Es entstehen Filme und Theaterstücke, Ausstellungen werden zusammengestellt und Lieder komponiert und getextet. Es wird im Internet recherchiert, Fachleute werden befragt und Bibliotheken durchstöbert. Häufig geschieht dies in der Freizeit. In vielen Klassen lege ich monatelange Projektphasen ein, in deren Verlauf die Jugendlichen selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten. Ein kontinuierliches Hinführen an eigenständiges Arbeiten – wenn möglich fächerübergreifend – ist eine Voraussetzung, damit die Schülerinnen und Schüler lernen, mit der ihnen eingeräumten „Freiheit“ verantwortungsbewusst umzugehen.

Schülerinnen und Schüler schließen sich in einem Team zusammen. Ideen und Themen werden gemeinsam erarbeitet. Ein Arbeitsplan wird erstellt, Absprachen werden getroffen und Aufgaben verteilt. Der Ablauf und Erfolg eines Projektes wird weitgehend durch das Team selbst bestimmt. Entscheidend ist die Präsentation, die nach mehreren Gesichtspunkten benotet wird. Das Arbeitsblatt „Tatort Leben“ (M 1) stellt eine solche Anleitung vor. 

 

Meine Lehrerrolle ändert sich hierbei. Ich bin Moderator und Animateur, stelle Kontakte her und besorge Materialien, bin ständiger Ansprechpartner, versuche aber den Projektverlauf nach Möglichkeit nicht zu beeinflussen.

(Nicht belehren, sondern unterstützen!) Ich muss bereit sein, von den Jugendlichen zu lernen und sie als Arbeitspartner zu sehen. Das erfordert viel Geduld, die Bereitschaft loszulassen und Enttäuschungen einzustecken, denn nicht alle sind bereit, sich auf diese Art von Unterricht einzulassen. Doch wenn ich erlebe, wie Schülerinnen und Schüler diszipliniert und ohne Kontrolle und Druck arbeiten und beeindruckende Ergebnisse präsentieren, ist das ein beglückendes Gefühl.

Eine Schule, die auf das Leben vorbereiten will, kann nicht nur ein „Lernen auf Vorrat“ vermitteln. Es müssen vor allem Lernmethoden sowie soziale und individuelle Kompetenzen gefördert werden.

Jugendliche werden heute groß in einer multimedialen Welt. Talkshows, Daily Soaps, Big Brother, Videos, Playstation, Internet und populäre Musik bestimmen den Alltag und haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihr Leben. Auch dabei werden Inhalte und Lebenseinstellungen transportiert. Events sind gefragt und das Mitschwimmen im Mainstream (Musik, Kleidung, Aussehen) ist unablässig, um Anerkennung zu erfahren und mitreden zu können. The show must go on. Manchmal ist auch mein Unterricht eine Show und ich und meine Schülerinnen und Schüler werden zu Showmastern, die ein Erlebnis nach dem anderen präsentieren. Das ist spannend und macht Spaß. Wir erschließen gemeinsam neue Welten und lernen gemeinsam – nur anders.

 

Ich höre die pädagogischen Bedenkenträger, denen es bei diesen Gedanken kalt über den Rücken laufen mag. Aber vielleicht kann ein Blick durch neue methodische und didaktische Brillen auch dazu verleiten, starre Lehrpläne mit Leben zu füllen.

Man hat uns Theologen eine schwere Kost mit auf den Weg gegeben. In der religionspädagogischen Praxis besteht das Alltagsgeschäft darin, die schweren Brocken verdaulicher zu machen, komplizierte Theorien zu elementarisieren. Ich frage mich gelegentlich: wie hat Jesus seine Botschaft den Menschen verständlich gemacht? Ein Blick in die Bibel als Methodenbuch christlicher Verkündigung bringt mich weiter. Jesus hat sich nicht auf die Kanzel gestellt und doziert. Er ist mitten unter die Menschen gegangen, er hat gesehen und gehört, wie sie leben, was sie denken und fühlen. Und genau hier hat er angesetzt. Jesus hat die Grunderfahrungen der Menschen verknüpft mit seiner guten Nachricht der Erlösung. Und er hat Zeichen gesetzt. Er ist den Menschen in den Grundsituationen ihres Lebens begegnet. Er hat sie angesprochen, ihnen Geschichten erzählt, sie getröstet und ihnen Mut gemacht. Hier können wir als Religionspädagogen von ihm lernen.

Als Religionslehrer träume ich ab und zu davon, dass ich Jugendliche begeistern könnte von diesem Jesus. Das vorgestellte Unterrichtsprojekt bietet eine Möglichkeit, dass sich die Schülerinnen und Schüler selbst auf den Weg machen, um mit und für Jesus zu werben. Doch ich erlebe, dass ich hier mit meinen vielfältigen kreativen Methoden an Grenzen gerate. Junge Menschen erfahren, dass sie oft auf sich selbst zurückgeworfen sind. Sie sammeln viele Eindrücke und machen die unterschiedlichsten Erfahrungen mit Menschen, mit Institutionen und nicht zuletzt mit sich selbst. Diese Erfahrungen müssen verdaut werden. Dabei ist es wichtig, dass auch junge Menschen innehalten, ihr Leben reflektieren und ihre Erfahrungen aussprechen können.

Dazu kann der Religionsunterricht Raum und Zeit bieten.  Und hier spüre ich – auf Jesus blickend -, dass besonders bei existenziellen Themen das offene und vorurteilsfreie Gespräch die wichtigste Methode ist.


 

 

 
 
Copyright by Arthur Thömmes | Kontakt | Impressum